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      "Die ambulante Pädiatrie gibt es nicht zum Nulltarif!"

      Pädiatrie

      Springer Medizin

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          Abstract

          Das Jahr 2020 verlangt Kinder- und Jugendärzten einiges ab: COVID-19 erforderte "über Nacht" eine Umstrukturierung des Praxisbetriebs, und Gesundheitsatteste, eine Ausweitung des Leistungskatalogs sowie durch das Internet verunsicherte Eltern nehmen immer mehr Zeit in Anspruch. Eine Nullrunde soll daher unter allen Umständen vermieden werden. Nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie, die die Kinder- und Jugendärzte in ihren Praxen auffangen müssen, lassen bei den Pädiatern die Alarmglocken läuten: Auch andere - bislang unterschätzte und nur unzureichend gelöste Problemen - machen den Pädiatern zunehmend zu schaffen. Zum Beispiel die Zunahme von psychosozialen Auffälligkeiten bei unter 18-Jährigen: Deren Inzidenz ist zwischen 2010 und 2017 rasant angestiegen. Entwicklungsstörungen nahmen danach um 37 %, Störungen des Sozialverhaltens um 22 % und Anpassungsstörungen gar um 39 % zu. Das jedenfalls geht aus den neuen Daten hervor, die auf dem jetzt vom Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) veröffentlichten "Versorgungsmonitor Ambulante Kinder- und Jugendmedizin 2020" hervorgehen. Diese neuen besorgniserregenden Daten wollte der BVKJ eigentlich anlässlich des 50. Kinder- und Jugend-Ärztetages 2020 in Berlin präsentieren. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte dieser Jubiläumskongress jedoch nicht stattfinden. Der BVKJ nahm dieses Ereignis aber zum Anlass, auf die bis heute nicht gelösten Problemfelder bei der gesundheitlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen im Jahr 2020 öffentlich und medial aufmerksam zu machen. Psychische Probleme sind kein Tabu mehr Der Anstieg dieser psychosozialen Probleme bei Kindern und Jugendlichen ist aber nicht nur auf mehr Diagnosen, sondern auch auf einen offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen zurückzuführen, bewertet Dr. Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ, diese Ergebnisse: "Diese sind erfreulicherweise kein Tabu mehr. Kinder und Jugendliche sowie Eltern reden heute offen beim Arztbesuch über psychische Probleme. Auch weil sie wissen, dass wir ihnen hier weiterhelfen können." Jedoch sei die Betreuung von Kindern mit psychischen Störungen "weitaus aufwendiger als etwa die Behandlung eines einfachen Magen-Darm-Infekts", bekräftigt Fischbach. Dies habe zur Folge, dass die vorhandenen Kapazitäten in der ambulanten Kinder- und Jugendmedizin kaum mehr ausreichen, alle Kinder und Jugendlichen bestmöglich medizinisch zu versorgen. Für Kinder mit psychischen Auffälligkeiten treffe das in besonderem Maße zu. Die Zeit, die den Pädiatern pro Kind zur Verfügung steht, nehme seit Jahren kontinuierlich ab. Dazu tragen viele Ursachen bei, insbesondere mehr Teilzeitarbeit, mehr angestellte Kinder- und Jugendärzte, zunehmende Verwaltungsaufgaben oder eben auch die sogenannten neuen Morbiditäten, zu denen neben der gestiegenen Zahl diagnostizierter psychosozialer oder psychischer Auffälligkeiten auch die weiter hohe Anzahl von ADHS-Fällen zählen. COVID-19: Anpassungen im Akkord Natürlich zieht auch das Auftreten von COVID-19 einschneidende Folgen nach sich: Die Monate der Pandemie hätten den Kinder- und Jugendärzten und ihren Mitarbeiterinnen enorm viel abverlangt, bekräftigt Fischbach. In Rekordzeit mussten Schutzkonzepte für die Praxen implementiert werden. Und jetzt kommen neue Herausforderungen hinzu. Nach der Wiedereröffnung von Kitas und Schulen geben Handlungsempfehlungen und Verordnungen in einzelnen Bundesländern vor, Kinder und Jugendliche mit Erkältungssymptomen vom Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung auszuschließen und vor der Rückkehr ein vom Pädiater auszustellendes Attest über ihren Gesundheitszustand zu verlangen. Das Problem dabei: Da ein Kind im Kindergartenalter in den Herbst- und Wintermonaten in der Regel acht bis zehn Infekte durchmache, würden die aufwendigen Testungen und Attestierungen die Praxen vor "ungeheure Kapazitätsprobleme" stellen, warnt Dr. Sigrid Peter, Vizepräsidentin des BVKJ. Darunter würde dann auch die Versorgung von akut kranken und chronisch kranken Kindern leiden sowie die Durchführung von Vorsorgen und Impfungen. Zudem könne laut BVKJ ein Abstrich "als punktuelle Betrachtung der Situation" nicht sicher ausschließen, dass ein Kind Coronaviren hatte oder nicht. Gesundheitsatteste für den Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen seien damit keine sichere Bank. Auch müsse den Trägern von Gemeinschaftseinrichtungen klar sein, dass sie von Kinder- und Jugendärzten nicht in jedem Fall und grundsätzlich Attestierungen erwarten dürfen. Der Verband fordert daher Bundesgesundheitsministerium und RKI auf, eine "differenzierte Orientierungshilfe" für Eltern zu erstellen. Dabei komme es vor allem auf klare Regelungen an, wie Kitas und Eltern in den nächsten Monaten mit einem begründeten Verdacht auf COVID-19, mit schweren oder leichten Erkältungssymptomen umgehen sollten, so die Erwartung von Jakob Maske, Sprecher des BVKJ und niedergelassener Pädiater in Berlin. Bayern hat bereits angekündigt, einen Leitfaden zu erstellen, wie in Coronazeiten mit leichten Symptomen verfahren werden soll. Immer mehr Aufgaben für Pädiater Doch auch andere von der Politik bislang weit unterschätze Einflussfaktoren haben im Jahr 2020 zu einer erheblichen Ausweitung der Tätigkeitsfelder eines ambulant tätigen Pädiaters geführt, besonders in diesen Themenfeldern: Ausweitung des Leistungskatalogs: Die Gesamtzahl der von Kinder- und Jugendärzten erbrachten Impfleistungen stieg von 8,3 Millionen im Jahr 2010 auf 10,3 Millionen 2017. Der gleiche Trend zeigt sich bei den Vorsorgeuntersuchungen: Während 2010 noch 538.000 U3-Untersuchungen abgerechnet wurden, waren es 2017 bereits 631.000. Zwar werden inzwischen die Früherkennungsuntersuchungen zum Teil besser honoriert. Viele Vorsorgen sind aber auch inhaltlich erweitert worden und benötigen heute zum Teil sehr viel mehr Zeit als früher. "Anwälte" für Kindesvernachlässigung und Kinderrechte: Weit stärker als früher sind die Pädiater heute bei den Themen Kinderschutz und sexueller Missbrauch gefordert. Höherer Beratungsbedarf für Eltern: Patientenkontakte, gerade mit Eltern, werden immer komplexer, weil diese immer häufiger - mit zum Teil unseriösen Informationen aus dem Internet - in die Praxen kommen. Hier sind Kinder- und Jugendärzte mehr denn je gefordert, die Vielzahl von Informationen zu sortieren und zu bewerten. Laut BVKJ reichen die vorhandenen Kapazitäten aufgrund dieser neuen Aufgaben in der Praxis längst nicht mehr aus, um alle Kinder und Jugendlichen bestmöglich medizinisch zu versorgen - insbesondere in Zeiten einer Pandemie. Die Zeit, die einem Kinder- und Jugendarzt pro Patient zur Verfügung steht, nimmt so seit Jahren kontinuierlich ab. Drei Punkte für eine bessere Versorgung Nach Ansicht von Fischbach sollten daher die folgenden drei zentralen Forderungen mit höchster Priorität auf die gesundheitspolitische Agenda gelangen: Mehr Kinder- und Jugendärzte: Dafür müssen die Bundesländer die Studienplatzkapazitäten im Fach Humanmedizin spürbar aufstocken und die Weiterbildungsmöglichkeiten im Fach Pädiatrie personell und finanziell verbessern. Ausbau neuer Arbeitszeitmodelle: Teilzeitstellen und zeitlich flexible Arbeitsangebote müssen rasch implementiert und mit finanziellen Anreizen versehen werden, um dem Wunsch von Kinder- und Jugendärzten nach geringeren Wochen- und Lebensarbeitszeiten in der Praxis besser gerecht werden zu können. Bessere Honorierung: Die Absicht der Krankenkassen, bei den anstehenden Honorarverhandlungen eine Nullrunde einzulegen, lehnt Fischbach entschieden ab. Der große Aufwand, mit dem Kinder- und Jugendarztpraxen "ansteckungssicher" gemacht worden sind und der damit einhergehende Rückgang an Vorsorgen und Impfungen haben einen Teil der Praxen finanziell zurückgeworfen und manche gar "an den Rand des Ruins geführt." Fischbach betont: "Die ambulante Pädiatrie ist unverzichtbar. Aber es gibt sie nicht zum Nulltarif. Unsere Betriebsausgaben sind gestiegen und werden weiter steigen durch erhöhte Hygieneanforderungen, durch die Umsetzung der IT-Infrastruktur und steigende Gehälter unserer Mitarbeiter." Eine Nullrunde sei vor allem auch deshalb abzulehnen, weil die Honorarabschlüsse der vergangenen Jahre bereits unter der Inflationsrate lagen. Zudem drohe dann die Gefahr, dass die ambulante Pädiatrie weiter ausblute und Eltern künftig immer häufiger keine Kinder- und Jugendarztpraxen mehr fänden. Fischbachs Forderung ist daher eindeutig: "Wir fordern eine angemessene Honorarerhöhung, die unsere Leistung für die Gesellschaft abbildet und die tatsächlichen Kosten deckt."

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          Journal
          Pädiatrie
          Pädiatrie
          Springer Medizin (Heidelberg )
          1867-2132
          2196-6443
          19 August 2020
          2020
          : 32
          : 4
          : 62-65
          Affiliations
          Medienbüro, Ziegelbergstrasse 17, 63739 Aschaffenburg, Germany
          Article
          2377
          10.1007/s15014-020-2377-y
          7418275
          © Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020

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          Praxis Konkret
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